Profis im Off
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Eine unangenehme Überraschung: Die Betreiber des Kunstraumes swingr
stehen vor dem Graffito, das ein nächtlicher Sprayer auf ihrem
hellgelben Portal hinterlassen hat. Als würde nicht schon der
Wasserschaden in der Halle reichen, für dessen Entfernung sie gerade
Handwerker bezahlen. Über dreißig Ausstellungen waren seit der
letztjährigen Gründung der Produzentengalerie in einem Mariahilfer
Durchhaus zu sehen. Nach der Winterpause geht es im März wieder los.
Die Künstler Christoph Holzeis, Luisa Kasalicky, Birgit Knoechl und
Rainer Spangl hatten in ihrem Umfeld starke Nachfrage nach
Ausstellungsmöglichkeiten bemerkt und wollten auch selbst endlich
einmal zu einer Einzelschau kommen. Originellerweise legt swingr die
Vernissage jeder neuen Schau zusammen mit der Finissage der letzten,
sodass man immer zwei Ausstellungen sieht – künstlerische
One-Night-Stands sozusagen. „Es war uns halt nicht bewusst, wie viel
Arbeit das bedeutet“, meint Kasalicky, die sich dennoch auf die nächste
Serie freut. Dafür heißt es abermals Förderanträge schreiben,
Einladungen verschicken, Künstler betreuen, Homepage füttern, Wein
einschenken – und immer wieder ausmalen.
Nach längerer Flaute existieren wieder mehrere Offspaces in Wien. Mit
diesem Begriff sind nichtkommerzielle Kunsträume gemeint, häufig in
Ateliers oder leerstehenden Geschäften und in der Mehrzahl von
Künstlern geführt. Im Mythos Offspace schwingt ein Versprechen von
Autonomie und Widerständigkeit mit, die Vorstellung von Underground,
Experiment oder zumindest Gegenöffentlichkeit. Überhaupt, dagegen sein:
wider den Markt und seine Verdinglichung des Kunstwerks, wider die
Hierarchien der exklusiven Institutionen und die Arroganz gestresster
Galeristen, die sich in der Regel gar nicht freuen, wenn No-Names mit
Mappen bei ihnen aufkreuzen.
„In Museen und Galerien geht es um Objekte, in alternativen Galerien
geht es um Menschen“, hat ein amerikanischer Offspace-Gründer den
Vorrang von sozialer Stimulation vor autorfixierter Werkproduktion
beschrieben, mit dem in den Siebzigerjahren New Yorker Künstler
Selbsthilfe leisteten. Damals wurden artist run galleries wie White
Columns, The Kitchen, Printed Matter oder Artists Space gegründet. Eine
Alternative zum Kunstmarkt erschien in der Frühzeit von Performance,
Video- und Konzeptkunst möglich, bevor der Malereiboom der
Achtzigerjahre wieder alles mit Ölfarbe übergoss. Historische Vorläufer
hatten diese Initiativen freilich schon in der Wiener Secession oder
dem Zürcher Cabaret Voltaire der Dadaisten.
Interessanterweise waren es in Wien vor dreißig Jahren ausgerechnet die
Galerien, die – staatlich subventioniert – neue Kunstformen und
kritische Diskurse wie den Feminismus aufgriffen. „Bei Grita Insam
wurden damals Super-8-Filme und Experimentalmusik als Kunst
präsentiert“, erinnert sich Hans Scheirl. Der Künstler, vormals Angela
Scheirl, ist 2006 nach Wien zurückgekehrt und unterrichtet mittlerweile
an der Akademie der bildenden Künste. Während seiner 16 Jahre in London
war Scheirl Teil der Queerszene und produzierte unter anderen den
vielbeachteten Cyborg-Film „Dandy Dust“. Zu seiner großen Freude
erhielt Scheirl nach der Heimkehr eine Einladung in den Offspace auto,
den die Künstler Gerald Grestenberger, Jakob Lena Knebl und Bruce
LaMongo seit fünf Jahren erfolgreich hinter der Urania führen.
„In Wien gibt es so viele gute Künstlerinnen und Künstler, die trotz
all ihrer Anstrengungen nicht sichtbar werden“, erzählt Knebl. Der
Offspace auto setzt einen Schwerpunkt auf Genderthemen und stellt
Nachwuchs und Autodidakten oft gemeinsam mit etablierten Künstlern aus.
„Ich denke, es geht heute weniger um die Polarisierung Galerie/Geld,
Offspace/kein Geld“, merkt Grestenberger an. „Wichtiger ist die Frage,
was für eine Bedeutung dem Feld der Kunst in der Gesellschaft generell
zugeschrieben wird und ob dort Forschung über ethisch relevante Fragen
möglich ist.“
Für ihren gerade richtig heruntergekommenen Raum gehen die auto-Lenker
in Brotjobs hackeln, denn die Förderungen fließen immer zäher. Während
neue Initiativen von Bund und Stadt noch relativ leicht Unterstützung
bekommen, wird es mit längerem Fortbestehen immer schwerer. Die
Subventionsgeber wollen eine Institutionalisierung verhindern, die zu
fixen Posten auf ihrer payroll führen könnte. Die Ansuchen nehmen den
Offspaces aber auch ihre Spontaneität, wenn ein Jahr vorher alle
Ausstellungen programmiert und kalkuliert werden müssen.
Finanzieller Kampf und Selbstausbeutung verbindet alle idealistischen
Alternativgaleristen, auch wenn sie keine Künstler sind. Die Betreiber
dürfen mit den Offspaces nichts verdienen. Es ist von den Förderstellen
her verpönt, sich selbst ein Honorar zu budgetieren. Die
Kunsthistorikerin Bernadette Ruis vom Projekt to be continued bespielt
schon seit mehreren Jahren wechselnde Räume auf der Basis von
Präkariumsverträgen. Diese Form der Bittleihe verschafft ihrem Verein
mietfreie Projekträume auf Zeit. Bei den Ausstellungen von to be
continued dürfen Künstler einen solchen Ort zwei Monate nutzen. Seit
sich Veranstaltungen wie das Kunstfestival Soho in Ottakring als
erfolgreiches Modell für die Belebung öder Stadtzonen erwiesen haben,
hoffen auch Immobilienfirmen, ihre brachliegenden Raum mit
Künstlerflair aufwerten zu können. „Oft kommen Vorschläge, in denen
Kunst nur als Beschönigung gedacht ist“, beschwert sich Ruis, die auch
für Wolke 7, ein Stadtrevitalisierungsprojekt der EU für den siebten
Bezirk arbeitet. „Wenn Kultur für Stadtentwicklung eine Rolle spielt,
darf das nur eine nachhaltige sein.“
Wie Ruis hat auch Elsy Lahner in Galerien gearbeitet, bevor sie letztes
Jahr mit eigenen Ausstellungen begann. Lahners Projekt spaceinvasion
agiert nomadisch: Ein geschnorrtes Geschäftslokal wird für drei
Ausstellungen in drei Wochen „besetzt“. „Offspaces haben den Vorteil,
dass sie viel schneller als Museen und Galerien auf die aktuelle
Produktion reagieren können“, meint Lahner. Die Selfmadekuratorin will
keine Bilder aufhängen, sondern lädt lieber Künstler ein, die
ortsspezifisch arbeiten. Es fasziniere sie, dieselben Räume immer
wieder durch Kunst neu verwandelt zu sehen.
Eine ähnliche Passion für den Raum motiviert David Komary. Unter den
Wiener Alternativgalerien verfolgt der ehemalige Künstler die
stringenteste Linie. Seinen Kunstraum dreizehnzwei unweit vom
Mittersteig betreibt er als strenge Kammer: Reduktion und ein
medientheoretischer Ansatz dominieren Ausstellungen, die immer
mindestens zwei Künstler zeigen. „Das Genialistische ist mir schlicht
auf die Nerven gegangen“, meint Komary, der weniger grandiose
Einzelpositionen als theoretische Anknüpfungsstellen sucht. Nach der
ersten selbst organisierten Gruppenschau 2003 in seinem Atelier hat er
den Pinsel für immer weggepackt und sich an geistige Instrumente
gemacht. Philosophen wie Maurice Merleau-Ponty und Paul Virilio sind
beliebte Bezugsquellen in den anspruchsvollen Heftchen, die Komary zu
jeder Schau produziert. Bei dreizehnzwei wird Kontextualisierung wie
sonst nur in Institutionen geleistet. Außerdem ist der Kurator vier
Tage die Woche selbst als Vermittler „an der Front“. In den anderen
Offspaces sucht man vergebens nach Texten; es fehlt offensichtlich eine
korrespondierende Generation von jungen Interpreten.
Die Alternativgalerien auto und dreizehnzwei leisten, was einem
Offspace im besten Fall gelingt: einen eigenen Kanon zu kreieren. Das
andere Modell ist die Solidargemeinschaft, Ersatzfamilie oder
Seilschaft. Seit letztem September verbinden Marita Fraser und Alex
Lawler in ihrem Kunstraum bell street wie Profis künstlerische Inhalte
und Netzwerkarbeit. Kein Wunder, denn die beiden kommen aus Sydney, wo
artist run initiatives eine stark fundierte Tradition haben. „Wenn man
dort eine Ausstellung will, dann muss man sie selbst machen“, erzählen
die Künstler über den unterentwickelten Kunstmarkt Australiens und die
durch dieses Manko beförderte Do-it-yourself-Mentalität. Bereits
eingeführte Räume werden von neuen Generationen übernommen, was zu
einer langen Lebensdauer von Alternativgalerien führt. Aber die Mieten
in Sydney sind sehr hoch, weswegen Künstler in Offspaces oft Mieten bis
zu 1500 Euro zahlen. Auch existiert kein Vereinsmodell wie in
Österreich, dass das Ansuchen um öffentliche Gelder erleichtert. Für
ihren eigenen Raum bevorzugen die Zobernig-Gaststudenten Kunst, die
formale Fragen mit einem Augenzwinkern behandelt. Das nach seinem
Standort in der Leopoldstädter Glockengasse benannte Projekt bringt
zudem internationale Künstler nach Wien, was andere viel zu selten tun.
In Berlin kann man Offspaces besuchen, bis die Beine versagen. Der
starke Zuzug internationaler Künstler beschert der hippen, wenngleich
armen Hauptstadt seit Jahren eine Schwemme an Produzentengalerien.
Deren Betreiber hoffen auf ihre kommerzielle Entdeckung oder wandeln
sich oft selbst zu verdienenden Galeristen. Der Berliner Kunstkritiker
Raimar Stange kennt das Offspacegewusel nur zu gut und meint: „Es kann
ja schnell mal jemand so einen Raum aufmachen, aber es kommt auf die
Qualität an.“ Stange meint Innovation, auch in Bezug auf
Ausstellungsformate. Auch in den Wiener Offspaces halten sich die
Überraschungen über Experimente in Grenzen. Viele Ausstellungen könnten
in der Form ebenso in normalen Galerien stattfinden. Autonomie bringt
eben nicht per se neue Zugänge hervor. Aber es gibt noch andere
Vorzüge: Non-Profit-Galerien können als erstes Segment des
Kunstbetriebs, in dem Anfänger ohne große Versagensängste das
Ausstellen lernen und Feedback bekommen, nicht hoch genug geschätzt
werden. Sie brechen mit der passiven Haltung und
Orientierungslosigkeit, die Künstler nach dem Ende des Studiums leicht
befällt.
Dennoch hatten die Art Clubs der Neunzigerjahre ein anderes Gepräge. In
den Jahren des Galeriensterbens nach dem Kunstmarktcrash 1990 lag der
Schwerpunkt von alternativen Künstlertreffs entweder auf Party – zur
Zeit von Techno rebellisch aufgeladen – oder auf einem dezidiert
politischen Anspruch. Viele Künstler suchten ihren engen
Rezipientenkreis zu verlassen, traten wie Forscher, investigative
Journalisten oder Sozialarbeiter auf. Kopf- anstatt Augenkunst war
angesagt. Im Unterschied dazu fällt heute das professionell angepasste
Auftreten der Offspaces und ihr pragmatisches Verhältnis zum Kunstmarkt
auf. Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Kunstmarkthochs macht
niemand mehr eine Ausstellung bei sich in der Wohnung. Eine neue
Generation von Künstlern scheint die bittere Pille des Postfordismus
ohne viel Würgen geschluckt zu haben: Alles dreht sich um Flexibilität
und Beweglichkeit und nichts mehr um Protest, Exzess oder Boheme;
Künstler sind in Wahrheit auch nur Unternehmer. Aber zu jedem Off gibt
es wieder ein Außen. Das wird spätestens beim Übermalen der Graffiti
klar.
www.swingr.be.tt (nächste Eröffnung: 15.3.)
www.parking-lot.org (nächste Eröffnung: 13.3.)
www.tobecontinued.org (nächste Eröffnung: 28.2.)
www.spaceinvasion.at (ab 13.4.)
www.dreizehnzwei.cjb.net (bis 17.2.)
www.bellstreet.net (nächste Eröffnung: 21.2.)
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.





