Falters Best Of...
Falters Kleine Schlaue
Startseite    faltershop - Buch Musik Film    Falter Abo Service    Falter Top-Stories    heureka Wissenschaftsmagazin    Tier der Woche    Werbung    Newsletter    
Event Programm    Kino Programm    Lokalführer Wien    Feste feiern    Best of Vienna    creation/production    Reparaturführer Wien    Weinführer    Impressum    

Die beste Stadtzeitung Europas.

Profis im Off

Nach Jahren der Stagnation erlebt die künstlerische Offszene in Wien eine erneute Blüte. Anders als in den Neunzigern geht es heute eher um Flexibilität als um Rebellion und Boheme. Dennoch kann die Bedeutung alternativer Kunsträume nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Eine unangenehme Überraschung: Die Betreiber des Kunstraumes swingr stehen vor dem Graffito, das ein nächtlicher Sprayer auf ihrem hellgelben Portal hinterlassen hat. Als würde nicht schon der Wasserschaden in der Halle reichen, für dessen Entfernung sie gerade Handwerker bezahlen. Über dreißig Ausstellungen waren seit der letztjährigen Gründung der Produzentengalerie in einem Mariahilfer Durchhaus zu sehen. Nach der Winterpause geht es im März wieder los.
Die Künstler Christoph Holzeis, Luisa Kasalicky, Birgit Knoechl und Rainer Spangl hatten in ihrem Umfeld starke Nachfrage nach Ausstellungsmöglichkeiten bemerkt und wollten auch selbst endlich einmal zu einer Einzelschau kommen. Originellerweise legt swingr die Vernissage jeder neuen Schau zusammen mit der Finissage der letzten, sodass man immer zwei Ausstellungen sieht – künstlerische One-Night-Stands sozusagen. „Es war uns halt nicht bewusst, wie viel Arbeit das bedeutet“, meint Kasalicky, die sich dennoch auf die nächste Serie freut. Dafür heißt es abermals Förderanträge schreiben, Einladungen verschicken, Künstler betreuen, Homepage füttern, Wein einschenken – und immer wieder ausmalen.
Nach längerer Flaute existieren wieder mehrere Offspaces in Wien. Mit diesem Begriff sind nichtkommerzielle Kunsträume gemeint, häufig in Ateliers oder leerstehenden Geschäften und in der Mehrzahl von Künstlern geführt. Im Mythos Offspace schwingt ein Versprechen von Autonomie und Widerständigkeit mit, die Vorstellung von Underground, Experiment oder zumindest Gegenöffentlichkeit. Überhaupt, dagegen sein: wider den Markt und seine Verdinglichung des Kunstwerks, wider die Hierarchien der exklusiven Institutionen und die Arroganz gestresster Galeristen, die sich in der Regel gar nicht freuen, wenn No-Names mit Mappen bei ihnen aufkreuzen.
„In Museen und Galerien geht es um Objekte, in alternativen Galerien geht es um Menschen“, hat ein amerikanischer Offspace-Gründer den Vorrang von sozialer Stimulation vor autorfixierter Werkproduktion beschrieben, mit dem in den Siebzigerjahren New Yorker Künstler Selbsthilfe leisteten. Damals wurden artist run galleries wie White Columns, The Kitchen, Printed Matter oder Artists Space gegründet. Eine Alternative zum Kunstmarkt erschien in der Frühzeit von Performance, Video- und Konzeptkunst möglich, bevor der Malereiboom der Achtzigerjahre wieder alles mit Ölfarbe übergoss. Historische Vorläufer hatten diese Initiativen freilich schon in der Wiener Secession oder dem Zürcher Cabaret Voltaire der Dadaisten.
Interessanterweise waren es in Wien vor dreißig Jahren ausgerechnet die Galerien, die – staatlich subventioniert – neue Kunstformen und kritische Diskurse wie den Feminismus aufgriffen. „Bei Grita Insam wurden damals Super-8-Filme und Experimentalmusik als Kunst präsentiert“, erinnert sich Hans Scheirl. Der Künstler, vormals Angela Scheirl, ist 2006 nach Wien zurückgekehrt und unterrichtet mittlerweile an der Akademie der bildenden Künste. Während seiner 16 Jahre in London war Scheirl Teil der Queerszene und produzierte unter anderen den vielbeachteten Cyborg-Film „Dandy Dust“. Zu seiner großen Freude erhielt Scheirl nach der Heimkehr eine Einladung in den Offspace auto, den die Künstler Gerald Grestenberger, Jakob Lena Knebl und Bruce LaMongo seit fünf Jahren erfolgreich hinter der Urania führen.
„In Wien gibt es so viele gute Künstlerinnen und Künstler, die trotz all ihrer Anstrengungen nicht sichtbar werden“, erzählt Knebl. Der Offspace auto setzt einen Schwerpunkt auf Genderthemen und stellt Nachwuchs und Autodidakten oft gemeinsam mit etablierten Künstlern aus. „Ich denke, es geht heute weniger um die Polarisierung Galerie/Geld, Offspace/kein Geld“, merkt Grestenberger an. „Wichtiger ist die Frage, was für eine Bedeutung dem Feld der Kunst in der Gesellschaft generell zugeschrieben wird und ob dort Forschung über ethisch relevante Fragen möglich ist.“
Für ihren gerade richtig heruntergekommenen Raum gehen die auto-Lenker in Brotjobs hackeln, denn die Förderungen fließen immer zäher. Während neue Initiativen von Bund und Stadt noch relativ leicht Unterstützung bekommen, wird es mit längerem Fortbestehen immer schwerer. Die Subventionsgeber wollen eine Institutionalisierung verhindern, die zu fixen Posten auf ihrer payroll führen könnte. Die Ansuchen nehmen den Offspaces aber auch ihre Spontaneität, wenn ein Jahr vorher alle Ausstellungen programmiert und kalkuliert werden müssen.

Finanzieller Kampf und Selbstausbeutung verbindet alle idealistischen Alternativgaleristen, auch wenn sie keine Künstler sind. Die Betreiber dürfen mit den Offspaces nichts verdienen. Es ist von den Förderstellen her verpönt, sich selbst ein Honorar zu budgetieren. Die Kunsthistorikerin Bernadette Ruis vom Projekt to be continued bespielt schon seit mehreren Jahren wechselnde Räume auf der Basis von Präkariumsverträgen. Diese Form der Bittleihe verschafft ihrem Verein mietfreie Projekträume auf Zeit. Bei den Ausstellungen von to be continued dürfen Künstler einen solchen Ort zwei Monate nutzen. Seit sich Veranstaltungen wie das Kunstfestival Soho in Ottakring als erfolgreiches Modell für die Belebung öder Stadtzonen erwiesen haben, hoffen auch Immobilienfirmen, ihre brachliegenden Raum mit Künstlerflair aufwerten zu können. „Oft kommen Vorschläge, in denen Kunst nur als Beschönigung gedacht ist“, beschwert sich Ruis, die auch für Wolke 7, ein Stadtrevitalisierungsprojekt der EU für den siebten Bezirk arbeitet. „Wenn Kultur für Stadtentwicklung eine Rolle spielt, darf das nur eine nachhaltige sein.“
Wie Ruis hat auch Elsy Lahner in Galerien gearbeitet, bevor sie letztes Jahr mit eigenen Ausstellungen begann. Lahners Projekt spaceinvasion agiert nomadisch: Ein geschnorrtes Geschäftslokal wird für drei Ausstellungen in drei Wochen „besetzt“. „Offspaces haben den Vorteil, dass sie viel schneller als Museen und Galerien auf die aktuelle Produktion reagieren können“, meint Lahner. Die Selfmadekuratorin will keine Bilder aufhängen, sondern lädt lieber Künstler ein, die ortsspezifisch arbeiten. Es fasziniere sie, dieselben Räume immer wieder durch Kunst neu verwandelt zu sehen.
Eine ähnliche Passion für den Raum motiviert David Komary. Unter den Wiener Alternativgalerien verfolgt der ehemalige Künstler die stringenteste Linie. Seinen Kunstraum dreizehnzwei unweit vom Mittersteig betreibt er als strenge Kammer: Reduktion und ein medientheoretischer Ansatz dominieren Ausstellungen, die immer mindestens zwei Künstler zeigen. „Das Genialistische ist mir schlicht auf die Nerven gegangen“, meint Komary, der weniger grandiose Einzelpositionen als theoretische Anknüpfungsstellen sucht. Nach der ersten selbst organisierten Gruppenschau 2003 in seinem Atelier hat er den Pinsel für immer weggepackt und sich an geistige Instrumente gemacht. Philosophen wie Maurice Merleau-Ponty und Paul Virilio sind beliebte Bezugsquellen in den anspruchsvollen Heftchen, die Komary zu jeder Schau produziert. Bei dreizehnzwei wird Kontextualisierung wie sonst nur in Institutionen geleistet. Außerdem ist der Kurator vier Tage die Woche selbst als Vermittler „an der Front“. In den anderen Offspaces sucht man vergebens nach Texten; es fehlt offensichtlich eine korrespondierende Generation von jungen Interpreten.

Die Alternativgalerien auto und dreizehnzwei leisten, was einem Offspace im besten Fall gelingt: einen eigenen Kanon zu kreieren. Das andere Modell ist die Solidargemeinschaft, Ersatzfamilie oder Seilschaft. Seit letztem September verbinden Marita Fraser und Alex Lawler in ihrem Kunstraum bell street wie Profis künstlerische Inhalte und Netzwerkarbeit. Kein Wunder, denn die beiden kommen aus Sydney, wo artist run initiatives eine stark fundierte Tradition haben. „Wenn man dort eine Ausstellung will, dann muss man sie selbst machen“, erzählen die Künstler über den unterentwickelten Kunstmarkt Australiens und die durch dieses Manko beförderte Do-it-yourself-Mentalität. Bereits eingeführte Räume werden von neuen Generationen übernommen, was zu einer langen Lebensdauer von Alternativgalerien führt. Aber die Mieten in Sydney sind sehr hoch, weswegen Künstler in Offspaces oft Mieten bis zu 1500 Euro zahlen. Auch existiert kein Vereinsmodell wie in Österreich, dass das Ansuchen um öffentliche Gelder erleichtert. Für ihren eigenen Raum bevorzugen die Zobernig-Gaststudenten Kunst, die formale Fragen mit einem Augenzwinkern behandelt. Das nach seinem Standort in der Leopoldstädter Glockengasse benannte Projekt bringt zudem internationale Künstler nach Wien, was andere viel zu selten tun.
In Berlin kann man Offspaces besuchen, bis die Beine versagen. Der starke Zuzug internationaler Künstler beschert der hippen, wenngleich armen Hauptstadt seit Jahren eine Schwemme an Produzentengalerien. Deren Betreiber hoffen auf ihre kommerzielle Entdeckung oder wandeln sich oft selbst zu verdienenden Galeristen. Der Berliner Kunstkritiker Raimar Stange kennt das Offspacegewusel nur zu gut und meint: „Es kann ja schnell mal jemand so einen Raum aufmachen, aber es kommt auf die Qualität an.“ Stange meint Innovation, auch in Bezug auf Ausstellungsformate. Auch in den Wiener Offspaces halten sich die Überraschungen über Experimente in Grenzen. Viele Ausstellungen könnten in der Form ebenso in normalen Galerien stattfinden. Autonomie bringt eben nicht per se neue Zugänge hervor. Aber es gibt noch andere Vorzüge: Non-Profit-Galerien können als erstes Segment des Kunstbetriebs, in dem Anfänger ohne große Versagensängste das Ausstellen lernen und Feedback bekommen, nicht hoch genug geschätzt werden. Sie brechen mit der passiven Haltung und Orientierungslosigkeit, die Künstler nach dem Ende des Studiums leicht befällt.
Dennoch hatten die Art Clubs der Neunzigerjahre ein anderes Gepräge. In den Jahren des Galeriensterbens nach dem Kunstmarktcrash 1990 lag der Schwerpunkt von alternativen Künstlertreffs entweder auf Party – zur Zeit von Techno rebellisch aufgeladen – oder auf einem dezidiert politischen Anspruch. Viele Künstler suchten ihren engen Rezipientenkreis zu verlassen, traten wie Forscher, investigative Journalisten oder Sozialarbeiter auf. Kopf- anstatt Augenkunst war angesagt. Im Unterschied dazu fällt heute das professionell angepasste Auftreten der Offspaces und ihr pragmatisches Verhältnis zum Kunstmarkt auf. Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Kunstmarkthochs macht niemand mehr eine Ausstellung bei sich in der Wohnung. Eine neue Generation von Künstlern scheint die bittere Pille des Postfordismus ohne viel Würgen geschluckt zu haben: Alles dreht sich um Flexibilität und Beweglichkeit und nichts mehr um Protest, Exzess oder Boheme; Künstler sind in Wahrheit auch nur Unternehmer. Aber zu jedem Off gibt es wieder ein Außen. Das wird spätestens beim Übermalen der Graffiti klar.


www.swingr.be.tt (nächste Eröffnung: 15.3.)
www.parking-lot.org (nächste Eröffnung: 13.3.)
www.tobecontinued.org (nächste Eröffnung: 28.2.)
www.spaceinvasion.at (ab 13.4.)
www.dreizehnzwei.cjb.net (bis 17.2.)
www.bellstreet.net (nächste Eröffnung: 21.2.)

2007 © Falter Verlagsgesellschaft mbH
E-Mail: Webmaster
Impressum
Aktueller Falter
Startseite