Planen + Falten. Schwelle
Daten
– Dock 20Beschreibung
Wann ist etwas, wie es scheint? Wann wird ein visuelles Artefakt zum Bild, wann aus einem Geräusch eine Melodie? Wo ist die Schwelle, an der das Vertraute ins Unheimliche kippt oder das Fremde sich plötzlich zum Bekannten erhebt? Es scheint die künstlerische Praxis von Planen + Falten zu sein, diesen Fragen nachzuspüren. Dabei durchstreifen die vier Künstler:innen den Dschungel der künstlerischen Zeichen und treiben ihr eigenes Spiel mit den Betrachter:innen.
Pirmin und Severin Hagen, Christine Katscher und Ronja Svaneborg arbeiten seit 2019 als Kollektiv und konfrontieren sich regelmäßig mit den Heimtücken der Gewohnheit und dem vermeintlich Normalen. An der Schnittstelle von Druckgrafik, Installation und Skulptur und Sound tasten sie das Verhältnis zwischen Werk und Autor:in, Publikum und Gattungsgrenze ab. Nach Ausstellungen in der Schweiz (2020) und in Liechtenstein (2022) bespielen sie nun mit ihrer Ausstellung „Schwelle“ erstmals gemeinsam ein Museum in Österreich. Im Zentrum der neuen Kollaboration stehen Strategien des Sichtbarmachens durch Tarnung, Verstecken und Auflösung. Die Überlebensstrategie, bei der sich Tiere, Pflanzen oder Soldat:innen derart überzeugend an ihre Umwelt anpassen, dass sie mit ihr verschmelzen, bildet den Ausgangspunkt einer künstlerischen Reflexion: Wo verlaufen die Grenzen der Wahrnehmung? Und mit welcher Distanz muss man den Dingen begegnen, um ihren Sinn zu entschlüsseln?
Severin Hagen produziert einen raumhohen begehbaren Golem aus Gips – einen Hybrid aus Litfaßsäule, Telefonzelle, organischer Skulptur und fossiler Verknöcherung, dessen Tentakel wie Fühler den Raum erkunden. Das wenig elaborierte Material Gips führte lange Zeit ein Schattendasein in der Kunstgeschichte. Lediglich als gut genug befunden für Vorlagen von Plastiken, wurde es seit dem Barock zu einem der verbreitetsten Baumaterialien – stets getarnt als wertvoller Marmor für jene, die sich den teuren Stein nicht leisten konnten, den schönen Schein aber wahren wollten. Unverstellt ermöglicht Severin Hagen nun den Blick auf diesen unscheinbaren Protagonisten der Bildhauereigeschichte.
Im Schutz dieses Gipspanzers, dieser „Halssäule“, verbreitet sich der Klang der neuen Soundarbeit von Ronja Svaneborg in den Ausstellungsräumen. Als kleine Abkömmlinge der Gipsplastik verstreuen die Lautsprecher die Stimmen der Besucher:innen wie Pilze ihre Sporen. An der Schwelle zwischen akustischem Chaos und Chor sammeln und überlagern sich die Klänge, aufgenommen im schützenden Gehäuse von einem kleinen Computergehirn, dass sie in einen arhythmischen Loop einspeist. Im Chor mit den anderen tritt der Klang der Einzelnen in den Hintergrund, löst sich auf im Rauschen des Kollektiven – akustische Tarnung, die zu einem zunehmend lauteren Rauschen anschwillt. In Kompliz:innenschaft mit Simon Nagy komponiert Svaneborg zudem eine Partitur des Kollektiven.
Das Verstecken als strategischer Vorteil: Erst im Ersten Weltkrieg wurde aus der Warnfärbung der mitunter farbenfrohen und eindeutig zuordenbaren Uniformen der Soldaten die Tarnfärbung, mit der das Militär heute assoziiert wird. In Tarnfleck getüncht wurden jedoch nicht nur Menschen, sondern ganze Gebäude und Häuserblocks. Als Camoufleur/Camoufleuse bezeichnet man jene Maler:innen, die ihr Handwerk ganz auf die Vertuschung und Tarnung konzentrierten. In seiner Installation treibt Pirmin Hagen die Kunst der Tarnung auf die Spitze, indem er Tarnstoffe tarnt. Die im White Cube furchtbar unbrauchbaren Stoffbahnen werden für ihn zur Leinwand seiner eigenen Erkundung dieser Farbfleckentopografie. Durch Gipsplatten – dem industriell vorgefertigten Zwilling der ungestalteten Plastik im vorderen Raum – verstellt, müssen die Besucher:innen die allansichtige Installation auf eigenen Wegen erschließen.
Mit Übermalungen, Reproduktionen und Fragmentierungen arbeitet auch Christine Katscher. Ihre Siebdruckserien geben dem vielstimmigen Chor der Stimmen der Besucher:innen, die Ronja Svaneborg mit ihrer Soundinstallation choreografiert und dem Orchester, das sie gemeinsam mit den anderen Arbeiten bilden, ihren Rhythmus. Mit beharrlicher Ausdauer lässt Katscher ihre Motive auseinanderfallen, setzt sie neu zusammen, übermalt und reproduziert. Die vielfach aus Beobachtungen des Alltäglichen gesammelten Motive entleeren sich in diesem Prozess nicht selten zu reinen Formen. Grapheme – die kleinsten unterscheidbaren Einheiten in einem Schriftsystem – enthalten selbst keine Bedeutung und fügen sich nur im Raster mit anderen zu einer Semantik zusammen. Mit ihrer Kollektiv-Ausstellung kommentieren die vier Künstler:innen vielschichtig die Gewohnheiten der Rezeption und der Selbstverortung. Wer glaubt, ein Kunstwerk schaue nicht zurück oder ließe sich ohne eine Beziehung zu den Betrachter:innen denken, wird hier anderes erfahren.
[Quelle: https://web.archive.org/web/20250612212154/https://dock20.lustenau.at/de/programm/programm-2024/2024-02]
Beteiligte
Pirmin Hagen, Severin Hagen, Christine Katscher, Ronja Svaneborg