Metamorphosis

Daten

– SUSSUDIO

Beschreibung

METAMORPHOSIS, kuratiert von Livia Klein, entfaltet sich in der liminalen Wechselbeziehung von Körper und Architektur. Die Ausstellung untersucht, wie Räume ihre Beständigkeit verlieren und die Instabilität der Wahrnehmung widerspiegeln. In Anlehnung an Richard Sennetts Überlegungen zum disziplinierten Körper verfolgen die Arbeiten von Melanie Ebenhoch (*1985, AT) und Paola Siri Renard (*1993, FR) die Bewegung von Ordnung und Auflösung: Sie zeigen, wie Raum unsere Wahrnehmung prägt und zugleich bestimmt, wie wir uns in der Welt verorten. In ihren Brüchen tritt das zutage, was Mark Fisher als the eerie beschreibt: jene leise Dissonanz, die spürbar wird, wenn Präsenz auftritt, wo keine sein sollte. Die Ausstellung verweilt in dieser Spannung zwischen Struktur und Affekt, wo räumliche Form psychologisch wird und der Körper zu einem Resonanzraum des Unheimlichen wird.

Wie Richard Sennett in Flesh and Stone beschreibt, schreibt sich Architektur in den Körper ein. Sie reguliert Nähe, Berührung und den Rhythmus der Bewegung. Doch der Körper bleibt niemals passiv. Was einst dazu diente, zu disziplinieren, beginnt zu atmen, zu absorbieren und schließlich jene Strukturen zu verändern, die es einzuschränken versuchten. Hier wird Architektur zu affektiver Materie—zu jenem Resonanzraum, den Anthony Vidler als das architektonisch Unheimliche beschreibt: Räume, in denen die Echos der Psyche nachhallen, in denen das Häusliche ins Verstörende kippt. Doch dieses Unbehagen ist nicht ohne Sanftheit. Im Sinne Gaston Bachelards bleibt das Innere ein Ort der Imagination, an dem Erinnerung fortwirkt, leise, aber beharrlich. Räume werden zu Denk- und Erinnerungsräumen, in denen Gedächtnis nicht als Rekonstruktion, sondern als Empfindung erscheint. Hier wird Erinnerung körperlich: ein Nachhall, der in der Wahrnehmung fortbesteht. Jenseits dieser architektonischen Schichten beginnt die Grenze zwischen Organismus und Objekt zu verschwimmen. Rosi Braidotti beschreibt Materie als etwas, das empfindet, sich verändert und träumt. So zeigt sich das Unheimliche nicht als Angst, sondern als Bewusstwerdung: die Einsicht, dass auch Raum lebendig ist, dass Form eine eigene Wahrnehmung besitzt. Was bleibt, ist ein fragiles Gleichgewicht zwischen Körper und Welt.

Melanie Ebenhoch bewegt sich mit ihrer Praxis an der Schwelle zwischen Innenraum und Psyche. Ihre skulpturalen Gemälde, Harzreliefs mit konvexen Oberflächen, die an architektonische Fragmente, Linsen oder Portale erinnern, inszenieren häusliche Szenarien, die zwischen Stillleben und räumlicher Illusion, Intimität und Befremden oszillieren. Die zentrale Erhebung, die an eine Iris, einen Türgriff oder eine Brustwarze denken lässt, fungiert als optischer Störpunkt: Sie zieht den Blick an, während sie ihn zugleich verunsichert.

Die fortlaufende Serie der Tondi greift die Bildgrammatik der Vanitas-Malerei auf, jedoch entleert von moralischer Auflösung. Trauben im Zustand des Verfalls, Käfer, die über Kristalloberflächen kriechen, Spiegel, die kein Bild zurückwerfen—jedes Objekt steht für Wandel, nicht für Ende. Diese Dinge verharren in einem Zwischenzustand: weder leblos noch lebendig, sondern von latenter Vitalität durchzogen. Freuds Begriff des Unheimlichen hallt hier als Rückkehr des Verdrängten wider: als Moment, in dem das Vertraute ins Fremde kippt. In Ebenhochs konstruierten Räumen entfalten vertraute Objekte eine irritierende Eigenmächtigkeit: Spiegel verweigern das Abbild, Telefone die Verbindung, Schwellen scheinen von unsichtbarer Präsenz erfüllt. Das Häusliche verwandelt sich in einen Körper, in eine affektive Architektur, offen für Verschiebung, Begehren und das Moment des Unheimlichen.

Paola Siri Renard untersucht Raum als kulturelle und psychologische Konstruktion, geprägt von kollektiver Erinnerung und unbewussten Codes. In Auseinandersetzung mit der architektonischen Tradition des Westens isoliert sie ornamentale Fragmente von Fassaden und Monumenten, um sie neu zu skalieren, zu brechen und zu montieren. Prozesse des Zerfalls, der Fossilisierung und Umformung werden dabei zu Strategien der Übersetzung: Mittel, um die Persistenz materieller und kultureller Spuren über Zeit hinweg zu denken. Ihre Skulpturen erscheinen als spekulative Apparate zwischen Architektur und Anatomie, Geschichte und Fiktion, als Echo jener affektiven Nachlebensformen gebauter Umwelt.

In dazzling garderobe (2023) und muters w (2023) nehmen diese Überlegungen skulpturale Gestalt an. Fragmentierte Mikroarchitekturen aus Acrylgips und Edelstahl entfalten sich zu hybriden Gebilden: Die gerippten, flügelartigen Strukturen erinnern an den Ornamentreichtum des Jugendstils, doch ihre irisierenden Oberflächen kippen ins Ambivalente. Tarnung wird Enthüllung, Monument wird Membran. Beide Arbeiten erscheinen wie Relikte einer spekulativen Archäologie, Überreste einer imaginierten Zivilisation, in der Architektur und Organisches ineinander übergegangen sind. Die metallischen Ausläufer, zwischen chirurgischem Werkzeug und Prothese, verweisen auf eine Transformation, eine unheimliche Intimität zwischen Mechanismus und Körper, zwischen Schutz und Haut. Im Sinne von Rosi Braidottis posthumaner Ethik versteht Renard Materie als empfindungsfähig, wandelbar, in stetigem Werden begriffen. Ihre Skulpturen wirken wie fragile Fossilien zukünftiger Erinnerung: Relikte jener Strukturen, die einst den Menschen umschlossen und nun selbst beginnen, ihn zu bewohnen.

Im Zusammenklang dieser Perspektiven verweilt METAMORPHOSIS an der Grenze zwischen Struktur und Empfindung. Die Arbeiten entwerfen eine räumliche Logik, die den Körper nicht mehr einschließt, sondern mit ihm in Bewegung tritt. Wenn Sennetts disziplinierter Körper einst die Ordnung der Stadt verkörperte, erscheint hier seine Umkehrung: ein instabiler Raum, der von der Erinnerung an Berührung durchzogen ist. Das Unheimliche bleibt als stiller Unterton bestehen, als Spur von Gegenwart im Abwesenden. Was sich zeigt, ist kein Abschluss, sondern eine Fortdauer: ein Echo von Form im Übergang, von Architektur, die sich in Körper einschreibt und fortlebt.

[Quelle: https://www.sussudio.at/, 20.11.2025]

Beteiligte

Melanie Ebenhoch, Paola Siri Renard

Objekte

(Archivalien, Publikationen, Werke)

2025 Paarlauf der Wandelbaren (Text)