Einzelausstellung Ana de Almeida. Someone Will Water Them

Daten

– das weisse haus

Beschreibung

Erste Bank Kunstpreis 2026

In Someone Will Water Them untersucht Ana de Almeida die Transformation von Nelken und Rosen – von botanischen Objekten zu politischen Zeichen innerhalb des revolutionären Diskurses des Kalten Krieges. Im Zentrum stehen die portugiesische Nelkenrevolution (25. April 1974) und die tschechoslowakische Samtene Revolution vom (17. November 1989). Ausgehend von den historischen Verflechtungen zwischen beiden Ereignissen fragt die Künstlerin, wie Blumen als Symbole des gewaltfreien Widerstands gegen autoritäre Regime eingesetzt wurden und wie sich ihre politische Bedeutung in unterschiedlichen Kontexten veränderte.
Die spontane Verteilung roter Nelken an die Soldaten des Movimento das Forças Armadas am 25. April 1974 begründete – vermittelt durch die Fotografie – ein Bild- und Bedeutungsrepertoire, das über die Grenzen des Kalten Krieges hinweg Wirkung entfalten sollte. Als die revolutionäre Blumensymbolik 1989 nach Osten weiterwanderte, durchlief sie bedeutsame chromatische und semantische Transformationen. Ihren Höhepunkt fand diese Verschiebung im Dezember 1989, als portugiesische Jugendliche 50.000 Rosen – und nicht Nelken – an die revolutionären Menschenmengen auf der Prager Národní-Straße verteilten. Diese botanische und farbliche Verschiebung gehört zu den zentralen historischen Momenten, denen die Ausstellung nachgeht: Warum erwies sich der Signifikant der portugiesischen gewaltfreien Revolution als unübersetzbar in den tschechoslowakischen Kontext?

Im November 2025 kam es im portugiesischen Parlament zu einem regelrechten „Blumenkrieg“. Weiße Rosen sollten zum neuen Symbol jenes Militärputsches werden, der 1975 den portugiesischen revolutionären Prozess beendete und der nun – erstmals in diesem Ausmaß – von rechten Parteien in eine offizielle Erinnerungskultur eingeschrieben wurde. Politiker*innen verschiedener linker und rechter Fraktionen griffen unmittelbar in den Blumenschmuck am Rednerpult der Assembleia da República ein. Die ursprünglich ausschließlich aus Grün und weißen Rosen bestehende Komposition wurde verändert, indem rote Nelken hinzugefügt, entfernt und wieder eingesetzt wurden. Entschied dieser politisch-botanische Streit darüber, welcher revolutionäre Moment – und welche revolutionäre Erinnerung – es verdienen würde, in der institutionellen Gegenwart zu Wort zu kommen?

Ana de Almeida nähert sich diesen und weiteren Episoden in einer groß angelegten multimedialen Installation, die eigens für das Souterrain des DAS WEISSE HAUS in Wien entwickelt wurde. Ihre Arbeit verhält sich wie eine Zeichnung, die auf den spezifischen räumlichen Rhythmus des Ausstellungsortes abgestimmt ist. Vierkantige Aluminiumrohre durchziehen den Raum über seine gesamte Länge. Manchmal scheinen sie sich hastig durch den Raum zu bewegen, dann wiederum verändert sich ihre Zeichnung und wird zum architektonischen Entwurf und simuliert ein Gewächshaus. Diese unschlüssige Struktur führt die Besucher*innen durch volkstümliche, institutionelle und künstlerische Archive.

Und sie führt die Besucher*innen durch unterschiedliche Archive – durch alltägliche, institutionelle und künstlerische Formen der Erinnerung und Überlieferung. Zwischen der fürsorglichen Geste gärtnerischer Pflege, einer bürokratisch archivarischen Geste, die Bedeutungen festschreiben will, und einer dritten Geste, die das politische Potenzial von Bildern freizulegen versucht, bringt de Almeidas Installation geschnittene und lebende Blumen mit Bildern zusammen. Diese sind von revolutionärem Pathos geprägt und entziehen sich zugleich einer eindeutigen Lesart als historische Dokumente.

Ein erzählerischer Audioguide begleitet die Installation. Zu sehen und zu hören sind historische Fotografien, die de Almeidas Vater während seines Studiums als portugiesischer Student in der ehemaligen Tschechoslowakei aufgenommen hat, Ausschnitte aus zeitgenössischer journalistischer Berichterstattung über die Verflechtungen der revolutionären Blumensymbolik in Portugal und der Tschechoslowakei sowie deren Verbindung zum globalen Blumenhandel. Ergänzt wird das Material durch Bezüge zu Arbeiten anderer Künstler*innen.

Die weichen Oberflächen der Aluminiumrohre und -paneele werden selbst zum Zeichenmedium. Die direkt in das Metall eingearbeiteten Spuren erzeugen Bilder, die sich zwischen Archiv, Diagramm und botanischer Illustration bewegen. Dabei zitieren sie visuell Taryn Simons Paperwork and the Will of Capital (2016), Anna Jermolaewas The Penultimate (2017) und Joseph Beuys’ Multiple Rose for Direct Democracy (1973). Diese künstlerischen Referenzen eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf das Archiv revolutionärer Blumen – aus institutioneller, postsowjetischer und organisch-philosophischer Sicht.
Die Gewächshausstruktur verweist sowohl auf die staatlichen Gewächshäuser der sozialistischen Tschechoslowakei, in denen Blumen für den 1. Mai und den Internationalen Frauentag kultiviert und gepflegt wurden, als auch auf die heutigen Exportgewächshäuser in Kenia, Kolumbien und den Niederlanden, die den globalen Blumenmarkt versorgen.

Am tiefsten Punkt des Raumes stehen in Aluminium-Pflanzgefäßen lebende rote Nelken und weiße Rosen, die im Garten der Künstlerin in Oberösterreich wuchsen, Seite an Seite mit denselben Schnittblumen in voller Blüte, die über den globalen Blumenmarkt zirkulieren und in Österreich zu jeder Jahreszeit erhältlich sind.
Diese infrastrukturelle Verdoppelung macht IN(TER)DEPENDENCE* zur grundlegenden Bedingung der Ausstellung: Blumen, die einst kollektive Souveränität symbolisierten, waren immer schon in transnationale wirtschaftliche Abhängigkeiten eingebunden. Ihre politische Bedeutung und vermeintliche Autonomie beruhen auf globalen Systemen der Produktion und Ausbeutung, die bis heute fortbestehen. Revolutionäre Blumen, so zeigt sich, waren niemals frei.

Die Künstlerin bedankt sich bei Dominik Blasenbauer, Michael Kolmann-Kofler, Jakub Vrba und Christian Wimplinger für deren Unterstützung bei der Produktion dieser Arbeit.

Im Rahmen des Erste Bank Kunstpreises 2026 wird eine adaptierte Version der Ausstellung 2027 im Österreichischen Kulturforum Budapest gezeigt.

*IN(TER)DEPENCE ist das übergeordnete Jahrestema 2026 im DAS WEISSE HAUS. Das Programm widmet sich künstlerischen Auseinandersetzungen damit, wie wir uns in einer zunehmend komplexen Welt zueinander verhalten, voneinander abhängig sind, uns voneinander lösen und miteinander koexistieren.

Jury Statement
Ana de Almeida arbeitet mit Fotografie, Video, Installation und Performance. In ihrer künstlerischen Praxis untersucht sie die politischen Dimensionen von Erinnerung anhand archivbasierter Strategien, die persönliche und kollektive Geschichten miteinander verbinden. Im Zentrum ihres Ansatzes steht die Aktivierung vernakulärer Archive als Orte, an denen revolutionäres Begehren, die Weitergabe von Widerstand und die Herausbildung politischer Subjektivitäten erforscht werden.
Ihre Arbeiten basieren auf einer fundierten und zugleich zugänglichen Recherche und zeichnen sich durch konzeptuelle Präzision, eine klare Methodik sowie ein konsequentes Engagement aus. Sie vereinen eine starke künstlerische und theoretische Tiefe mit einer klaren und überzeugenden künstlerischen Vision.
In einer Zeit, die von umkämpften Geschichtsbildern und politischer Fragmentierung geprägt ist, kommt de Almeidas Arbeit besondere Bedeutung zu. Sie zeigt, wie persönliche Archivarbeit als Form politischer Handlungsfähigkeit wirken kann, indem sie kollektive Erinnerung neu formt und verdrängte Narrative wieder sichtbar macht.

Jury
Georgia Holz (Freie Kuratorin, Autorin und Lektorin an der Universität für angewandte Kunst Wien)
Fabian Ortner (Direktor Österreichisches Kulturforums Budapest)
Nevena Janković (BLOCKFREI Collective | Leitung DAS WEISSE HAUS)
Eva Kovač (BLOCKFREI Collective | Leitung DAS WEISSE HAUS)

Finalist*innen 2026
Nicoleta Auersperg, Lisa Großkopf, Lena Rosa Händle, Allegra Kortlang, Lila-Zoé Krauß, Hanna Kučera, Anna Paul, Christina Werner, Anita Witek

Erste Bank Kunstpreis
Der Erste Bank Kunstpreis ist ein langjähriges Kooperationsprojekt von DAS WEISSE HAUS und dem Erste Bank Sponsoring Programm. In seiner elften Ausgabe im Jahr 2026 wird der Preis in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kulturforum Budapest vergeben.
Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und umfasst eine Ausstellung im DAS WEISSE HAUS sowie eine Residency und eine ortsspezifisch adaptierte Version derselben Ausstellung im jeweiligen Gastland.
Der Erste Bank Kunstpreis wurde 2016 ins Leben gerufen und richtet sich an Künstler*innen, die am Programm von DAS WEISSE HAUS teilgenommen haben. Die Vergabe erfolgt durch ein zweistufiges Juryverfahren.

[Quelle: https://web.archive.org/web/20260916105907/https://dasweissehaus.at/exhibition/someone-will-water-them/]

Beteiligte

Ana Almeida

Objekte

(Archivalien, Publikationen, Werke)

2026 Die Stachel revolutionärer Rosen (Text)
2026 Einladung: Ana de Almeida. Someone Will Water Them (Archivalie)
2026 Erste Bank Kunstpreis geht heuer an Ana de Almeida (Text)